Der Name Mikimoto steht wie kein zweiter für die Zuchtperle. Die Chronik ist jedoch vielstimmiger, als das Firmenlogo vermuten lässt: Ein Zoologieprofessor, ein Zimmermann und ein Meeresbiologe haben an der runden Perle mindestens ebenso viel Anteil. Die Folge der Erfindung war ein Preissturz, der 1930 an einem einzigen Tag 85 Prozent des Wertes der Naturperlen im Pariser Handel auslöschte.
Ein Händlersohn aus Toba und ein Professor aus Tokio
Kokichi Mikimoto kam am 25. Januar 1858 in Toba zur Welt, einer Hafenstadt an der Küste der Präfektur Mie. Sein Vater betrieb eine Nudelküche. Der Sohn handelte zunächst mit Meeresfrüchten und sah dabei, wie die Akoya-Auster (Pinctada fucata martensii), die kleine japanische Perlauster, durch die Jagd auf Naturperlen fast verschwand. Ende der 1880er Jahre wurde aus der Beobachtung ein Vorhaben: Wenn keine Perlen mehr gefunden werden, muss man sie wachsen lassen.
Entscheidend war eine Begegnung im Jahr 1890. Kakichi Mitsukuri, Professor für Zoologie an der Kaiserlichen Universität Tokio und erster Direktor der Meeresstation Misaki, erklärte Mikimoto die Theorie des Perlsacks: Eine Perle entsteht, wenn Epithelzellen des Mantels, also der Hautschicht, die auch die Schale bildet, im Austernkörper eine Tasche formen und darin Perlmutt ablagern. Formuliert hatte diese Theorie der deutsche Anatom Theodor von Hessling schon 1856. Mikimoto hatte schon im September 1888 in der Ago-Bucht mit der Austernzucht begonnen; nach dem Besuch bei Mitsukuri setzte er dort die ersten Fremdkörper in die Tiere. Er hatte kein Studium, aber er hatte einen Professor.
Der 11. Juli 1893 und die erste Halbperle
Die ersten Jahre bestanden aus Fehlschlägen. Mikimoto setzte Fremdkörper aller Art in die Austern, probierte Einsatzstellen aus und verlor im November 1892 den gesamten Versuchsbestand in der Ago-Bucht an eine Rote Flut, eine giftige Algenblüte. Die Rettung kam von einem zweiten Versuchsplatz: der Insel Ojima in der Bucht von Toba, die heute Mikimoto-Perleninsel heißt. Dort fanden sich am 11. Juli 1893 die ersten halbrunden Zuchtperlen, angewachsen an der Innenseite der Schale.
Das Verfahren war schlicht: ein Kern aus Perlmutt zwischen Mantel und Schale, und die Auster überzieht ihn Schicht für Schicht. Heraus kommt eine Halbperle, heute Mabe genannt. Mikimoto erhielt dafür 1896 das japanische Patent Nr. 2670. Am 26. Oktober 1893 eröffnete er die Farm auf der Insel Tatoku in der Ago-Bucht, und 1899 verkaufte er im Tokioter Viertel Ginza zum ersten Mal Schmuck mit Halbperlen. Das Geschäft an dieser Stelle gibt es bis heute.
Rote Flut und die erste runde Perle 1905
Eine Halbperle ist kein Ersatz für eine Naturperle. Mikimoto wollte die freie, runde Perle und holte 1902 den früheren Zahnarzt Otokichi Kuwabara, der die Werkzeuge dafür baute. Der Bestand wuchs bis 1905 auf über eine Million Austern. Dann kam vom 10. Januar bis in den März 1905 die nächste Rote Flut und tötete 850.000 davon, vier Fünftel des Bestandes.
Unter den Überlebenden, die im selben Jahr operiert worden waren, fanden sich unerwartet einige vollrunde Perlen. Mit ihnen als Nachweis meldete Mikimoto 1907 die sogenannte Meiji-Methode an, Patent Nr. 13673 von 1908. Die Ausbeute war allerdings so gering, dass sich damit keine Produktion aufbauen ließ. Die runde Zuchtperle war 1905 gefunden, aber noch nicht erfunden.
Mise und Nishikawa, die vergessenen Erfinder
Die Lösung kam aus zwei Richtungen zugleich. Tatsuhei Mise, ein Zimmermann aus dem Dorf Matoya in Mie, setzte nach Angaben des GIA schon 1902 rund 15.000 Austern Kerne aus Blei und Silber ein und erntete 1904 kleine runde Perlen. 1907 meldete er Patent Nr. 12598 an, eine Nadel, mit der ein Kern in das Mantelgewebe gespritzt wird. Tokichi Nishikawa, Meeresbiologe an der Station Misaki, Schüler von Mitsukuri und seit 1903 mit Mikimotos zweiter Tochter verheiratet, forschte seit April 1906 an derselben Frage und reichte im Oktober 1907 seine Anmeldungen ein. Seine Erkenntnis: Ein kleines Stück Mantelgewebe, zusammen mit einem Kern in die Auster gesetzt, bildet den Perlsack von selbst.
Beide hatten dasselbe Prinzip gefunden: Nukleus plus Gewebestück. Sie einigten sich, und ihre Erfindung trägt seither beide Namen, Mise-Nishikawa-Verfahren. Jede runde Zuchtperle, ob Akoya, Südsee oder Tahiti, entsteht bis heute nach diesem Muster, wie der Beitrag über Nukleus und Mantelgewebe zeigt. Nishikawa starb 1909 mit 35 Jahren, bevor eine Ernte seinen Erfolg bestätigte. Mikimoto hatte schon im September 1907 mit ihm vereinbart, das Verfahren an rund 27.000 Austern zu prüfen, und übernahm 1916 die Rechte.
| Jahr | Ereignis | Beteiligte |
|---|---|---|
| 1893 | Erste halbrunde Zuchtperlen auf Ojima bei Toba (11. Juli), Farm auf Tatoku eröffnet (26. Oktober), Patent Nr. 2670 im Jahr 1896 | Mikimoto, Mitsukuri |
| 1899 | Erstes Geschäft in Ginza, Tokio, Verkauf von Halbperlenschmuck | Mikimoto |
| 1905 | Erste runde Perlen unter den Überlebenden der Roten Flut, Patent 1908 | Mikimoto, Kuwabara |
| 1907 | Patentanmeldungen für Kern plus Mantelgewebe, unabhängig voneinander | Mise, Nishikawa |
| 1916 | Mikimoto übernimmt die Rechte am Mise-Nishikawa-Verfahren | Mikimoto |
| 1919 | Erste runde Zuchtperlen im Verkauf in London, 75 Prozent des Naturperlenpreises | Mikimoto |
| 1924 | Pariser Gericht: Zuchtperlen unterscheiden sich nicht von Naturperlen | Jameson, Boutan als Gutachter |
Der Weg nach Europa und der Pariser Prozess
1913 eröffnete Mikimoto ein Geschäft in London. Ab 1918 gab es genug runde Perlen, und 1919 kamen sie auf den Londoner Markt: zu 75 Prozent des Preises von Naturperlen, so eine Übersicht der Schweizer Stiftung SSEF. Die Reaktion des Handels war heftig. 1921 nannte eine Londoner Zeitung die Ware eine Fälschung, der Vorwurf sprang nach Paris über, wo Verbände ein Einfuhrverbot forderten.
Der Streit endete vor Gericht. Im sogenannten Pariser Prozess sagten die Biologen H. Lyster Jameson aus Oxford und Louis Boutan aus Bordeaux aus, dass sich Zucht- und Naturperle in Entstehung und Aufbau nicht unterscheiden. 1924 entschied das französische Gericht in diesem Sinn. Was seither bleibt, ist die Frage nach dem Wert, nicht nach der Echtheit; der Beitrag über Naturperle und Zuchtperle geht ihr nach. 1927 traf Mikimoto auf seiner Reise durch die USA Thomas Edison.
Es ist eines der Wunder der Welt, dass es Ihnen gelungen ist, Perlen zu züchten.
Thomas Edison zu Kokichi Mikimoto, 1927, nach der Unternehmensgeschichte von Mikimoto
Der Preissturz der Naturperlen
Die Zahlen der 1920er Jahre zeigen, wie schnell der Abstand wuchs. 1922 berichtete die New York Times, Zuchtperlen kosteten 30 Prozent weniger als Naturperlen; 1928 wurde in einem Betrugsverfahren nur noch ein Zehntel des Wertes angesetzt. Naturperlen hielten sich dennoch: Tiffany verkaufte 1923 und 1925 Ketten für 230.000 und 360.000 Dollar. Der eigentliche Absturz kam mit der Weltwirtschaftskrise. 1930 stellte die Bank von Frankreich die Kredite an Perlenhändler ein, und der Wert der Perlen im Pariser Handel fiel nach dem Bericht des Händlers Léonard Rosenthal noch am selben Tag um 85 Prozent.
Auch Zuchtperlen wurden billig. Ein Momme, die japanische Gewichtseinheit von 3,75 Gramm, Akoya-Perlen von 6,3 Millimetern kostete 1919 in Japan 5.000 Yen, 1939 noch 5 Yen. Die Zahl der Betriebe stieg von 33 mit 669.000 Austern im Jahr 1926 auf 258 mit 10.858.000 Austern im Jahr 1937. 1932 verbrannte Mikimoto vor der Handelskammer in Kobe öffentlich minderwertige Perlen, um den Markt zu bereinigen. Am Persischen Golf, dem alten Zentrum der Naturperle, blieb von der Fischerei fast nichts übrig; der Beitrag über die Perlenfischerei in Bahrain erzählt dieses Ende.
| Jahr | Preisstand |
|---|---|
| 1917 | Cartier tauscht eine Naturperlenkette im Wert von 1 Million Dollar gegen eine Villa an der Fifth Avenue in New York |
| 1919 | Runde Zuchtperlen in London zu 75 Prozent des Naturperlenpreises, 1 Momme Akoya (6,3 mm) in Japan 5.000 Yen |
| 1922 | Zuchtperlen 30 Prozent unter Naturperlen (New York Times) |
| 1930 | Naturperlen verlieren nach dem Kreditstopp der Bank von Frankreich an einem Tag 85 Prozent |
| 1939 | 1 Momme Akoya (6,3 mm) in Japan 5 Yen |
Was von 1893 bleibt
Mikimoto starb am 21. September 1954 mit 96 Jahren. Sein Anteil ist die Industrie: Er hat ein Laborergebnis in ein Produkt verwandelt, mit Geschäften in Ginza, London (1913) und Paris (1928), und er hat den Pariser Prozess durchgestanden. Die Technik gehört Mise und Nishikawa, die Theorie von Hessling und Mitsukuri. Wer heute eine Akoya-Kette trägt, trägt das Ergebnis dieser Zusammenarbeit: einen Kern aus Muschelschale, ein Stück Mantelgewebe und die Geduld, die eine Auster braucht.
Häufige Fragen
Wer hat die Zuchtperle erfunden?
Die erste Zuchtperle erntete Kokichi Mikimoto am 11. Juli 1893, allerdings eine halbrunde, an der Schale angewachsene Perle. Das Verfahren für runde Zuchtperlen, Kern plus Mantelgewebe, meldeten 1907 Tatsuhei Mise und Tokichi Nishikawa unabhängig voneinander an. Mikimoto kaufte 1916 die Rechte und machte daraus eine Industrie.
Was ist das Mise-Nishikawa-Verfahren?
Ein runder Kern aus Muschelschale und ein kleines Stück Mantelgewebe einer Spenderauster werden in die Gonade der Perlauster gesetzt. Das Gewebe bildet einen Perlsack, der den Kern mit Perlmutt überzieht. Jede runde Zuchtperle, ob Akoya, Südsee oder Tahiti, entsteht seit 1907 nach diesem Prinzip.
Wann gab es die erste runde Zuchtperle?
1905, nach einer Roten Flut, die vom 10. Januar bis in den März 850.000 Austern in der Ago-Bucht tötete. Unter den Überlebenden fanden sich einzelne vollrunde Perlen. Verkauft wurden runde Zuchtperlen erst ab 1919 in London, weil die Ausbeute der frühen Methode zu klein war.
Warum sind Naturperlen nach 1930 so stark im Wert gefallen?
Die Weltwirtschaftskrise traf den Luxusmarkt, und 1930 stellte die Bank von Frankreich die Kredite an Perlenhändler ein. Nach dem Bericht des Händlers Léonard Rosenthal verloren Perlen im Pariser Handel am selben Tag 85 Prozent ihres Wertes. Zuchtperlen aus Japan kosteten damals bereits nur ein Zehntel der Naturperlen.
Sind Mikimoto-Perlen Naturperlen?
Nein, Mikimoto verkauft seit 1899 Zuchtperlen, zunächst Halbperlen, seit 1919 runde Akoya-Perlen. Ein Pariser Gericht stellte 1924 fest, dass sich Zuchtperlen in Entstehung und Aufbau nicht von Naturperlen unterscheiden.
Quellen
- A History of the Cultured Pearl Industry, Zoological Science 30(10), 783 bis 793 Kiyohito Nagai, Zoological Society of Japan, 2013
- The Value of Pearls: A Historical Review and Current Trends Sato und Cartier, SSEF Schweizerisches Gemmologisches Institut, GemGuide 2022
- History of Cultured Pearls, Part 1 GIA Gemological Institute of America
- Mikimoto, Kokichi Lang Antiques, Antique Jewelry University
- Brand Story Mikimoto
- Kokichi Mikimoto Wikipedia
- Mikimoto (company) Wikipedia



